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Auf der Flucht vor der Rastlosigkeit
Peiner Allgemeine Zeitung
Montag, 15. März 2004
Ulrich Jaschek
Akkordeon-Hymnen: Ulrike Dangendorf
in Gadenstedt
Lahstedt-Gadenstedt. Wer als Camping-Enthusiast
schon einmal nach Einbruch der Dunkelheit auf einem verträumten
südeuropäischen Dorfplatz sein Nacht-
lager aufgeschlagen hat und am nächsten Morgen
inmitten fröhlichen Markttreibens erwachte, erfreut
mit solchen Erzählungen gern sein Publikum daheim.
Ulrike Dangendorf, Komponistin und veritable Virtuosin
auf dem Akkordeon lässt sich von solchen Erlebnissen
zu Klanggemälden inspirieren, bei denen der Zuhörer
still wird, in sich geht und mit geschlossenen Augen
minutenlang auf einer mehrwöchigen Reise durch den
sonnigen Süden ist.
Miterleben konnten das die Konzertgäste in Jutta
Reutings Alter Stellmacherei. Dabei hatte alles eigen-
tliche in Paris begonnen. Denn wer verbindet Akkor-
deonklänge nicht mit blauem Himmel und Herzklopfen
in der Seine-Metropole, wenn die Tasten und Knopf-Akrobatin
so voller Gefühl Edith-Piaf-Evergreens ins
Publikum spült. Da aber zarte Frühlingsgefühle
auch
Menschen in Finnland, der Türkei oder in Griechenland
erfüllen, entlockt die Künstlerin ihrem Instrument
auch
dergleichen Liedgut.
Wer statt des meditativen Lidschlusses lieber einen
Blick auf die Künstlerin riskiert, bleibt daran haften.
Zierlich, fast zerbrechlich steht sie da, trotzdem
wie ein Fels in der Notenflut, wenn man sich einen
wiegenden und unumstößlichen-federleichten Felsen
vorstellen kann. Ihr Minenspiel wechselt beinahe im
Sekundentakt, ihr Instrument wiegt sie wie ein Baby
und scheint dessen elf Kilogramm in federleichten
Tonfolgen aufzuwiegen. Und solche erfindet die
preisgekrönt Komponistin auch gerne selber.
Charmant mit leisem Humor und beinahe schüchtern
moderiert sie ihr Programm, erzählt über Inspirationen,
die ihr Erlebnisse im Öffentlichen Personennahverkehr
(„Linie 1“) bieten, gibt ein bisschen Instrumentenkunde
oder plaudert über Lieder, die sie sich selbst schreibt.
Den „Halt-Stopp-Moment-Mal-Blues“ beispielsweise,
den sie aber auch dem Publikum nicht vorenthält.
Aber der Repertoire Dangendorfs ist zu umfangreich,
um sich mit einem Musikstil aufzuhalten. Griechische
Tänze reihen sich an Klezmerweisen und beim Walzer
scheinen sich die Flammen im Stellmacherei-Kamin
mit zu wiegen und wie das Publikum dem Rhythmus
der Rastlosigkeit zu entkommen. Konzerthöhepunkt ist
aber die „Suite an den Ith“, als Hymne an ihren
Lieblings-
höhenzug im heimatlichen Weserbergland, den sie
zunächst fast ehrfürchtig beschreibt und dann in
ein Klanggemälde verwandelt – keltisch-geheimnisum-
woben und südeuropäisch-fröhlich. Vielleicht
lauscht
man dort heimlich der komponierenden Künstlerin
unter ihrer Lieblingsbuche.
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Ulrike Dangendorf
in Gadenstedt |
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